Flexible und vielfältige Angebote stärken die frühkindliche Bildung

Positionspapier der CDU-Fraktion zur frühkindlichen Bildung und Erziehung

Die Bedeutung frühkindlicher Bildung lässt sich aus den PISA-Ergebnissen durch die erkennbare Korrelation zwischen Kitabetreuungszeiten und vorhandenen Bildungsvorsprüngen einzelner Länder ableiten. Neben dem Ausbau des quantitativen Angebots darf aber nicht die Verbesserung der Qualität vernachlässigt werden.

Neueste Forschungen belegen eindrücklich, dass Kinder so wie früh möglich in ihren Fähigkeiten gefördert werden müssen, wenn sie in ihrem späteren Leben alle in ihnen angelegten Fähigkeiten nutzen sollen. Es gilt die Erkenntnis, nicht nur schlaue Kinder können etwas lernen, sondern das Lernen und das „Trainieren“ des Lernens machen an sich schlau.

Dieses "Training" besteht im Aneignen vielfältigster Kompetenzen. Je weiter diese Kompetenzen gefördert werden, desto mehr Sachwissen lässt sich später in ihnen erwerben.

Untersuchungsergebnisse zeigen, dass es deshalb von Vorteil ist, wenn Kinder schon in frühem Alter gezielt an Bildungsinhalte und Werte herangeführt werden. Das haben auch Studien, z.B. aus den USA belegt, die ergaben, dass qualitative Unterschiede in der Früherziehung zu nicht zu unterschätzenden positiven Langzeitwirkungen mit folgendem Fazit führen: Eine gute Früherziehung führt unter anderem seltener zu Schulversagen und höheren Bildungsabschlüssen.

Neben den Kindertageseinrichtungen geschieht frühkindliche Bildung im Elternhaus. Es ist der erste entscheidende Sozialisationsort, an dem Kinder die Bedeutung und die Wertschätzung von Bildung erfahren und wo Wissens- und Charakterbildung beginnen. So haben die Eltern eine bedeutende Vorbildfunktion im Prozess der frühkindlichen Bildung und Erziehung ihrer Kinder.

Diesen gelingt in der Regel Lebensführung und soziale Integration im Erwachsenenleben besser, wenn sie auf stabilen Bindungs- und Bildungsprozessen in den Familien aufbauen. Deshalb müssen die Erziehenden in den Familien stärker als bisher unterstützt und gefördert werden.

Nach einer aktuellen Umfrage halten 60 Prozent der Bevölkerung die öffentlichen Angebote zur frühen Förderung für unzureichend. Diese Auffassung teilen auch Erziehungswissenschaftler, wie z.B. Prof. Wolfgang Tietze, der feststellte: „Die Qualität des Kindergartens macht bis zu einem Jahr Entwicklungsunterschied bei Kindern im Vorschulalter aus.“ Davon ausgehend ist die Vermittlung von Basiskompetenzen als die wichtigste Aufgabe in der vorschulischen Bildung zu sehen. Dazu zählen die Beherrschung der Verkehrssprache, mathematisches Grundverständnis, Begegnung mit Fremdsprachen sowie die musische Förderung und die Sport- und Bewegungserziehung. Der Bildungs- und Erziehungsauftrag muss der Entwicklung von Sozialkompetenz und Sekundärtugenden, wie Pünktlichkeit und Ordnung, stärker berücksichtigen.

Wir alle wissen, Bildung entscheidet nicht nur über den ökonomischen Erfolg einer Gesellschaft, sondern sie ist auch grundlegend für die materielle Sicherheit und die Entfaltung der Persönlichkeit. Sie ist Schlüssel zu einer erfolgreichen Entwicklung jedes Einzelnen und der Gesellschaft. Dafür muss die Politik die entsprechenden Rahmenbedingungen bereitstellen.

Das Angebot in den Kindergärten soll die Chancengleichheit von Kindern fördern, die kindliche Entwicklung stärken und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ermöglichen. Eine engere Verknüpfung zwischen kindlichen Lernprozessen in Familien und in Tageseinrichtungen und damit zwischen formell organisierten und informellen Lernprozessen ist dabei erforderlich. Deshalb sollen die Angebote zur Stärkung elterlicher Kompetenz über die Einrichtungen an die Eltern, insbesondere an Migrantenfamilien, gerichtet werden. Besonders empfehlenswert sind früh ansetzende Präventionsangebote, also auch Programme, die die Eltern bereits im ersten Lebensjahr des Kindes erreichen.

Die Entwicklung von Modellen zur Regelung der Beziehung zwischen Familie und Tageseinrichtung sollten deshalb offen und ohne ideologische Scheuklappen geführt werden. Generell sollte, bei Beachtung des Kindeswohls, eine stärkere Flexibilisierung der Öffnungszeiten angestrebt werden und auch private und erwerbswirtschaftlich ausgerichtete Betreuungsangebote zugelassen und gefördert werden. Eine stärkere Einbettung der Angebote der Familienbildung in die Tageseinrichtungen sollte herbeigeführt werden. Insbesondere ist die Idee und Umsetzung der „lokalen Bündnisse für Familien“ zu fördern.

Vernetzung der Wege und Einrichtungen im Bildungsverlauf Im Bildungswesen generell und in den ersten 10 Jahren der kindlichen Entwicklung insbesondere, verdienen Übergänge im Bildungsprozess besonderer fachlicher wie politischer Aufmerksamkeit: der Übergang von der Familie in die Krippe, von der Krippe in den Kindergarten, vom Kindergarten in die Grundschule und von dort in die weiterführenden Schulen.

Den Eltern als erster und wichtigster Ansprechpartner der kindlichen Entwicklung und Bildung sind in den Tageseinrichtungen erweiterte Mitwirkungs- und Mitbestimmungsmöglichkeiten zu eröffnen. Für Kinder bis zum Schuleintritt sind Tageseinrichtungen die erste Stufe im Bildungsverlauf Für eine zeitgemäße Bildung und Erziehung von Kindern in den Tageseinrichtungen ist die Entwicklung von Bildungsstandards und deren Konkretisierung in Bildungs- und Erziehungsplänen erforderlich. Bei der Erstellung des pädagogischen Rahmens müssen dabei für die Integration der Kinder mit besonderen Bedürfnissen Mindeststandards berücksichtigt werden.

Bildung, Erziehung und Betreuung im Kindergarten leisten im allgemeinen Sinne eine Schulvorbereitung der Kinder. Seit der Einführung des Rechtsanspruchs 1996 auf einen Kindergartenplatz ab dem dritten Lebensjahr wurde der Kindergartenbereich deutlich ausgebaut. Doch solange der tatsächliche Betreuungsbedarf des Kindes nach der Lebenssituation der Eltern bemessen wird, gibt es keine Chancengerechtigkeit.

Stärker als bisher müssen kindliche Kompetenzen in spezifischen Bildungsbereichen bereits im Kindergarten gezielt aufgebaut werden In den letzten Jahren sind deshalb Bildungs-, Erziehungs- oder Orientierungspläne für die Arbeit in Kindergärten entwickelt worden. Es fehlt aber noch die Abstimmung im Hinblick auf die Verbindung der beiden Bildungsstufen Kindergarten und Grundschule. Dabei muss ein Bildungsund Erziehungskonzept für die außerunterrichtliche Betreuung von Schulkindern einbezogen werden.

Die Kooperation zwischen Fachkräften beider Bildungsbereiche und den Eltern ist auf eine neue pädagogische Grundlage zu stellen, die beiden Prinzipien – Kontinuität und Diskontinuität – Rechnung trägt und zudem ein erweitertes Übergangskonzept, welches Eltern mit einschließt, vertritt.

Fortbildungsmaßnahmen der Erzieherinnen sind systematische Maßnahmen der Qualitätsentwicklung Erzieherinnen müssen neue Aufgaben erfüllen, neue Methoden und Instrumente anwenden und benötigen dafür qualifizierte Fortbildung und höherwertige Grundausbildung.

Da eine Anhebung des Ausbildungsniveaus allein keine Garantie für eine höhere Ausbildungsqualität liefert, ist eine konzeptionelle Reform der Erzieherausbildung erforderlich. Ähnlich wie in anderen europäischen Ländern ist die Entwicklung eines berufsbegleitenden Weiterbildungsprogrammes notwendig.

In der Übergangsphase müssen deshalb in diesem Zusammenhang auch gemeinsame Ausbildungsabschnitte und/oder Fortbildungsveranstaltungen für Fachkräfte von vorschulischen Bildungseinrichtungen zusammen mit Grundschullehrkräften angeboten werden.

Erzieherinnen benötigen zusätzliche Zeit Die Zuweisung der Personalmittel berücksichtigt keine nicht kindbezogenen Tätigkeiten. Vor- und Nachbereitung, Beobachtung und Dokumentation, Fortbildung und Elterngespräche fehlen bei der Berechnung des Personalbedarfs für die Einrichtungen. Außerdem gibt es keine Vertretungsmittel, um eine kontinuierliche Arbeit zu gewährleisten. Sprachförderung muss im Kindergarten einen besonderen Stellenwert innehmen.

Der Nutzen einer frühzeitigen Sprachförderung ist wissenschaftlich unbestritten. Denn wenn vorhandene Sprachdefizite rechtzeitig vor Schuleintritt kompensiert werden können, reduziert sich das Risiko nachfolgender schulischer Lernprobleme ganz erheblich. Deshalb muss in den Bildungsplänen besonderer Wert auf die Sprachförderung und das Erlernen der deutschen Sprache gelegt werden. Dazu gehört auch der verpflichtende, aber dann auch kostenfreie Besuch einer Vorschule.

Daneben muss aber Raum für spezielle Fördermaßnahmen für Kinder mit unzureichender Entwicklung und Deutschkenntnissen ermöglicht werden. Solche Fördermaßnahmen müssen verbunden sein mit Sprachstandserhebungen – möglichst schon 2 Jahre vor dem Schuleintritt - wie es in Nordrhein-Westfalen bereits praktiziert wird. Gemäß dem bayrischen Modellversuch „Kindergarten der Zukunft in Bayern – KiDZ“ sollten Erzieherinnen und Grundschullehrerinnen die Kinder gemeinsam im Kindergarten betreuen, zumindest so lange, bis genügend pädagogisches Fachpersonal für die Kindergartenbildung vorhanden ist. Die Grundschullehrer sind dabei nicht nur für ein paar Stunden pro Woche in der Gruppe einzusetzen, sondern müssen Vollzeitbeschäftigte der Kita sein.

Speziell bei Migrantenkindern gilt es, deren Stärken früh zu identifizieren und zu fördern. Sprachförderung bei Migrantenkindern darf nicht erst kurz vor der Einschulung beginnen. Vielmehr muss sie die Entwicklung der Kinder, unter Einbeziehung ihrer Eltern, systematisch und von Anfang an begleiten.

An die Stelle einer sog. „Sprachstandsdiagnose“ sollte eine „Sprachstandserfassung“ und an die Stelle punktueller Interventionen eine regelmäßige und systematische Beobachtung und Dokumentation des Sprachverhaltens treten. Eine systematische, regelmäßige und prozessorientierte Beobachtung durch Fachkräfte ist sinnvoller, als ein punktueller Test von Kindern.

Evaluationsmaßnahmen dienen der Qualitätsentwicklung und Qualitätskontrolle Evaluationsmaßnahmen dienen in erster Linie dem Ziel, das pädagogische Angebot kindgerechter zu gestalten bzw. weiterzuentwickeln und dessen Auswirkungen auf das einzelne Kind zu überprüfen. Die Leistungsfähigkeit einer Einrichtung sollte deshalb Gegenstand der Evaluation sein.

Dabei werden sowohl Instrumente zur Selbst- als auch zur Fremdevaluation benötigt. Dabei dient Fremdevaluation vorrangig der Reflexion und Optimierung von Selbstevaluation. Erst in zweiter Linie kann sie zur Überprüfung von Daten herangezogen werden, die mittels Selbstevaluation bzw. auf anderem Weg gewonnen wurden.

Evaluationsmaßnahmen dürfen jedoch nicht als administrativ-politisches Durchsetzungs- bzw. Disziplinierungsinstrument missbraucht werden. Gesetzliche Pflichtaufgaben müssen erfüllt werden Die Kinder– und Jugend-Gesundheitsämter müssen personell so ausgestattet werden, dass sie ihren gesetzlich vorgeschriebenen Untersuchungspflichten zur Feststellung von Entwicklungsrückständen der Kindergarten-Kinder nachkommen und die verpflichtende Schulreifeuntersuchung durchführen können. Darüber hinaus ist für die Erfassung aller Kinder die Durchführung von Reihenuntersuchungen zu installieren.

Kostenargument volkswirtschaftlich betrachten Der erhöhte Investitionsaufwand für frühkindliche Erziehung und Primärbildung wirkt sich volkswirtschaftlich langfristig positiv aus. Pädagogisch hochwertige frühkindliche Erziehung führt insgesamt zu höheren Bildungsstandards und verringert zudem die Kosten für die Nachqualifizierungen.

Emine Demirbüken-Wegner
Jugend- und familienpolitische Sprecherin der CDU-Fraktion

Neuruppin, 16. Juni 2007

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